Review des Dienstes Blinkist. Bietet Blinkist wirklich verständliche Zusammenfassungen?
Blinkist verspricht, dir die Kernthesen von über 3000 Sachbüchern innerhalb von 15 Minuten einfach und präzise zu vermitteln. Geht das wirklich?
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Die Welt in 15 Minuten.

Die meisten von euch werden Blinkist schon des Öfteren als nervige Werbung vor Videos oder zwischen Storys weggeklickt haben. Vielleicht hat es bei einigen auch Interesse geweckt, denn es sind ja ziemlich große Ansagen, die Blinkist da macht: Über 3000 Sachbücher in nur jeweils 15 Minuten verstehen.

Fiktionale Literatur gibt es bei Blinkist bisher nicht, dafür Sachbücher aus 19 verschiedenen Kategorien, unter anderem „Biographie“ & Geschichte“, „Produktivität & Zeitmanagement“, „Persönliche Entwicklung“, „Populärwissenschaften“ und „Gesundheit & Fitness“.

Blinks = Verständliche Info-Häppchen


Blinkist fasst die Bücher dabei in sogenannten zwei- bis fünfminütigen Blinks zusammen, die in einer Lesezeit von ca. 15 Minuten, mal etwas mehr, mal etwas weniger, bewältigt werden sollen. Alternativ dazu gibt es die Blinks oft auch als Audio-Versionen. Klingt erstmal grandios, so wenig Zeit wie wir haben, und Sachbücher lesen, ist ja nach Blinkist essentiell wichtig, wenn wir erfolgreich sein wollen. So machen das nämlich Bill Gates, Elon Musk, Marc Zuckerberg und sowieso alle Menschen, die etwas drauf und/oder etwas zu sagen haben.

Also auf der Busfahrt schnell mal die neuesten Thesen von Stephen Hawking kennenlernen, sich unter der Dusche mit der Biografie Ghandis berieseln lassen und beim nachmittäglichen Toilettengang, die genialsten Anlagestrategien durchblicken. Kurz: nach einigen Wochen mit Blinkist, sollte man eigentlich in der Lage sein, die Welt zu erobern. Das wäre die 80 Euro im Jahr doch definitiv wert.

Jeden Tag ein Buch mit der Free-Version

Da ich da aber noch ein bisschen skeptisch bin, entscheide ich mich erstmal für die Free-Version, in der ich jeden Tag ein neues Sachbuch von Blinkist vorgestellt bekomme. Wer selbst bestimmen will, was und wieviel er „blinkt“, muss ein monatliches (13€) oder jährliches Abo (80€) abschließen.

180 Seiten auf sechs zusammengefasst. Kann das gut gehen?

Tag 1

Der Einstieg ist gleich ganz große Erklärbär-Schule, fängt aber zeitgleich auch im aller kleinsten an: Harald Leschs Was hat das Universum mit mir zu tun? Nachrichten vom Rande der erkennbaren Welt“. Ich bin begeistert, nie der große Physik-Nerd, trotzdem von den unendlichen Weiten des Universums fasziniert, kriege ich von Blinkist erstmal die existentiellsten Fragen der Menschheit beantwortet. Und es funktioniert überraschend gut!


Harald Lesch, der in seinen Büchern, ohnehin schon einen ziemlich nahbaren Stil für komplexe Probleme verwendet, eignet sich vermutlich auch perfekt dafür, in 6 Blinks zusammengefasst zu werden. Trotzdem habe ich nach nur 13 Minuten, das Gefühl wirklich etwas gelernt zu haben, auch wenn ich mir noch schwer vorstellen kann, dass die Reduktion von 180 auf 6 Seiten ohne den Verlust wichtiger Informationen auskommt. Innerhalb der 13 Minuten hat Blinkist vor den eigentlichen Blinks auch noch Zeit mir eine schnelle Übersicht über das Buch zu geben, mir zu erklären, was mich da jetzt erwartet und mir am Ende nochmal kurz zusammenzufassen, was ich da eigentlich in den letzten paar Minuten gehört habe. Der erste Blink ist jetzt auch schon 10 Minuten her, könnte ich ja inzwischen vergessen haben.

Tag 2

An Tag 2 gibt es harte Lektüre. Hilf mir – jetzt! von Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher beschäftigt sich mit Kinderarmut in Deutschland. Ein definitiv wichtiges Thema und ein guter Zug von Blinkist, dem interessierten Vielleicht-Kunden, nicht nur Anleitungen zum Schlank- und Reich-Werden zu präsentieren.

Die Blinks bestehen aus vielen Einzelschicksalen, gemischt mit eingeworfenen Fakten und Analysen. Leider habe ich das Gefühl durch den sachlich-knappen Charakter nicht wirklich von der Thematik berührt zu werden. Vielleicht auch, weil sich der appelative Charakter, den das Buch im Original hat, nicht auf die Blinks überträgt. Außerdem horche ich ein paar mal besonders auf, weil ich Aussagen problematisch finde oder so nicht direkt glauben möchte. Leider bleiben diese Aussagen dann auch für sich stehen und mir geht es so, als würde mir der breite, politische, erklärende, ausführende Rahmen fehlen, um das alles richtig bewerten zu können.

Tag 3

An Tag 3 gibt’s dann endlich den Weg zum Erfolg und das auch noch nachhaltig: Faironomics: Ökologisch, fair und frei, wie du in 8 Schritten dein Traumprojekt verwirklichst und damit die Welt veränderst von Ilona Koglin und Marek Rohde.

Blinkist empfiehlt dieses Buch:

  • Allen, die von einer gerechten, nachhaltigen und umweltfreundlichen Wirtschaft träumen
  • Allen, die eine öko-faire Existenz führen oder gründen möchten
  • Allen, die sich für holistische und hierarchiefreie Entscheidungsstrukturen interessieren

Und ähnlich plattitüdenhaft bleiben dann auch die Blinks, die mich als jungen Entrepeneur auf dem Weg zum hierarchiefreien, nachhaltigen, aber trotzdem erfolgreichen und am besten auch noch stressfreien Start-up führen. Wirtschaft ohne Kapitalismus, Chef sein ohne Hierarchien und öko-fair ohne Bio-Server. Klingt alles ein bisschen zu sehr nach Traumwelt. Trotzdem traue ich mich nicht ganz, das den Autoren anzulasten. Vielleicht fehlt mir einfach zu viel Info, zu viel Idee, Konzept, was mir beim Lesen des gesamten Buches doch eingeleuchtet hätte.

Fazit:

Blinkist kann gut funktionieren, wenn man sich in kurzer Zeit viel verknapptes Wissen anhäufen möchte, für einen ersten Überblick über ein Thema oder für Leute, die zu möglichst Allem Position beziehen möchten.

Nach meinen natürlich unzureichenden, eigenen Feldversuchen, habe ich gemerkt, dass sich Blinkist für mich eher weniger eignet. Zu sehr habe ich das Gefühl, Kernaussagen zu verpassen, der behandelten Materie nicht wirklich gerecht zu werden. Dann lieber weniger lesen und dafür besser informiert.

Die Lesch-Zusammenfassung hat mir noch ziemlich gut gefallen, da wäre ich mit einem seiner Videos aber wahrscheinlich ähnlich dran gewesen.

Leider habe ich das Gefühl, auch wenn die Idee sicher eine gute ist, auf der Strecke geht zu viel verloren und Blinkist präsentiert sich zu sehr als schnelles, hippes Unternehmen für schnelle, hippe Menschen, die keine Zeit mehr haben, ein Buch richtig zu lesen, kann dabei aber selten den Büchern gerecht werden, geschweige denn einem wissenschaftlichen Charakter.

GIF-Quelle: Giphy